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20.02.2016 - von Janis Prinz

Unter den Augen Fortunas: Das Marburger Geschichtsturnier

Von Christian

Das Wirken der römischen Göttin Fortuna, welche mit ihrem Schicksalsrad die Menschen in ungeahnte Höhen steigen lässt und sie daraufhin wieder in Tiefe stürzt, beschreibt nicht nur das Schicksal mancher Charaktere aus Game of Thrones, sondern auch das Gefühlsleben von Debattierern bei einen Turnier. So geschah es gleichfalls am dritten Februarwochenende, an dem sich im Schatten des prächtigen Marburger Schlosses Debattierer aus ganz Deutschland und der Schweiz zum zweiten offenen Marburger Geschichtsturnier zusammenfanden. Der besondere Reiz dieser Debattenart besteht darin sich in eine Figur oder in eine Gruppe einer anderen historischen Epoche hineinzuversetzen und die Perspektive einer liberalen westlich denkenden Person, die beim Debattieren sonst vorherrscht, hinter sich zu lassen.

Von uns Magdeburgern schlossen sich Altaltalt-Präsident Christian und Lars zu der Magdeburger Philippika zusammen. Philipp, der wegen des unüblichen Überangebotes an Juroren, reden konnte besiegelte mit dem Mainzer Peter ein Bündnis zweier alter Erzbistümer unter dem Namen Magdeburg Helau.

Nachdem wir den Freitagabend mit den anderen Teilnehmern in einer Marburger Studentenkneipe mit Pizza frisch vom Blech und ausgewählten Gerstensäften veredelt hatten fing am Samstagmorgen das Turnier an. Es galt als amerikanische Regierung im Juli 1945 zu entscheiden, ob die Atombomben auf Japan geworfen werden sollten. Lars und Christian verteidigten als Eröffnende Regierung in einem hochklassig besetzten Raum den Kurs. Am Ende sprang ein dankbarer dritter Platz heraus. Während sich Fortuna bei der Magdeburger Philippika über ihr weiteres Vorgehen noch unsicher war, führte sie Magdeburg Helau mit einem Sieg gleich auf einen morgendlichen Höhepunkt. Philipp, der bis heute behauptet keine Ahnung von Geschichte zu haben, gewann mit Peter überlegen den ersten Raum.

In der zweiten Vorrunde ging es zurück in ein Land vor unserer Zeit. Vor 10.000 Jahren als die Menschen zum ersten Mal in größeren Siedlungen sesshaft wurden kam es durch die Menge an Menschen und domestizierten Tieren zu ersten Seuchen. Wir mussten als Bevölkerung nun darüber disputieren, ob wir wieder den Weg des Nomaden beschreiten sollten. Die Philippika plädierte in ihrem Raum für einen Verbleib in der Siedlung, stürzte die falschen Götter der Opposition und sprach sich für eine gute Herrschaft durch den Rat des Stammes aus. Diese visionäre Haltung wurde mit einem zweiten Platz belohnt, Fortuna war den beiden gelegen und drehte uns nach oben. Unser Mixed-Team errang gleichfalls das Silberpodest, allerdings war sich hier Philipp sicher, dass es abwärts ging.

Nach einem leckeren Mittagessen bereiten die drei Chefjuroren Lukas, Dessi und Alex in der dritten Runde alle einen kleinen Kulturschock: Als Mustafa Kemal, der erste Präsident der Türkei, mussten wir im Jahre 1923 dafür argumentieren alle alten Zöpfe der osmanischen Kultur abzuschneiden und das Land zu verwestlichen. Nach einer ersten Phase des ungläubigen Staunens machten sich unsere Teams an die Arbeit. Nach den Debatten dann die Überraschung: Die Philippiker hatten ihren Raum eindeutig gewonnen! Mit einer soliden Mikroanalyse, bei klar gemacht wurde auf welche Weise die Vorteile des Westens auch den störrischsten anatolischen Bauern von unseren Kurs überzeugen wird, befand sich das Team am Scheitelpunkt des Glücks (der Tüchtigen). Fortuna hatte die Philippiker im bisherigen Verlauf des Turniers nach oben geführt. Magdeburg Helau hingegen wurde nach unten gestürzt und kam nach langer Jurorendiskussion auf den vierten Platz. Lars und Christian waren euphorisiert, Philipp hingegen niedergeschlagen. Doch hatten er und Peter wie Magdeburg Philippika noch gute Chancen auf den Sprung.

Die vierte Runde führte alle in das Hochmittelalter und in den Geschichtsunterricht der 7. Klasse. Als König Heinrich IV. sollten die Nach- und Vorteile des Ganges nach Canossa diskutieren. Mit Feuereifer stürzten sich beide Teams in die Vorbereitungszeit, wussten sie doch, dass in den breakrelevanten Räumen um jedes Argument gekämpft werden würde. Nach den Debatten herrschte große Unklarheit bei unseren Teams. Die Einschätzungen tangierten zwischen Sicherheit und Fatalismus und die Spannung auf die Verkündigung des Sprungs auf der Party stieg.
Bei der Party in den Katakomben in der Marburger Diskothek Nachtsaloon bekämpften wir die Nervosität mit dem gemeinsamen Genuss von Mexikanern, wobei der altehrwürdige Schlachtgesang „Ist denn die Elbe immer noch dieselbe“ lautstark erklang.
Dann die Proklamation der Teams und Juroren für die Halbfinalrunden. Aus dem Munde der Chefjuroren offenbarte sich Fortunas unstetiges Wesen, welches dem Monde gleicht: Lars und Christan hatten den Sprung verpasst, ihre Erweiterung der Debatte hatte nicht gezündet, womit sie vom Scheitelpunkt schleunigst zur Talsohle gedreht worden waren. Dafür wurden Philipp und Peter mit einem Sieg in die Sphären des klaren Sprungs emporgehoben. Wir freuten und trauerten zugleich, doch die Kombination aus braunen Saft aus Atlanta und Zuckerrohrschnaps aus der Karibik sorgten noch für eine heitere Stimmung und lustige Gespräche mit alten und neuen Freunden.

Geschichtsturnier Marburg 2016

 

Der nächste Morgen brachte Regen, Schnee und das Halbfinale mit sich. Die Stimmung war gelöst und die Themenproklamation des Halbfinales heiß ersehnt. Auch hier enttäuschte uns die Gelehrsamkeit und Kreativität der Chefjury nicht. Im Florenz der Frührenaissance sollte als Manifestation Cosimo de Medicis, der Spitzenahn jener legendären Familie, darüber gestritten werden, ob man als Mäzen die Kunstrevolution der Epoche, in der die bildende Kunst individuelle Züge einführte, fördern sollte. Für eine Eröffnende Regierung wahrlich eine anspruchsvolle Aufgabe. Und genau diese Position schenkte Fortuna mit einem Lächeln Philipp und Peter. Doch beiden gaben sich nicht geschlagen und plädierten in einer spannenden Debatte für die Vorteile, die für Cosimo daraus erwachsen könnten. Am Ende berieten wieder die Juroren sehr lange und die Spannung stieg an.

Nach der Mittagspause, in denen wir uns an Philipps heißgeliebten Dönern erfreuen konnten, kam es zur vorletzten Verkündung des Turniers. Fortuna nahm Magdeburg Helau leider aus dem Turnier, doch gingen Philipp und Peter in Ehren. Dann folgte die Bekanntgabe des Finalthemas. Am Schluss unserer Reise durch die Zeit ging es in das Jahr 1898. Als SPD-Führung sollte beraten werden, ob der Weg der Reformen oder der der Revolutionen in Zukunft beschritten werden sollte. Das Finale fand in einem Hörsaal der Medizin statt, der genau aus jener Zeit stammte und ein authentisches Flair vermittelte. In der kommenden Stunde sahen wir eine hochklassige Debatte, in der über dressierte Drachen, die Kraft des Ideals und das Zerschellen der Revolution an den Gräben des Militärs disputiert wurde. Am Ende gewannen die beiden Veteranen Tobi und Willy. Herzlichen Glückwunsch an die beiden! So verabschiedeten sich die einen länger, die anderen kürzer von den Freunden und wir brachen zufrieden wieder an die Ufer der Elbe und der Mulde auf.

Das Marburger Turnier hatte alles, was man sich für ein Debattierturnier wünscht und warum man für diesen Sport sich Wochenende freinehmen sollte: Coole Leute, spannende Debatten, bei denen man etwas lernt, leckeres Essen, eine freundliche und fähige Turnierorganisation, das Kennenlernen schöner Städte und eine tolle Party. Dazu kommt das unbeschreibliche Gefühl der Freude, der Euphorie und der Aufgedrehtheit, wenn man in einer guten Debatte sitzt und mit offenen Visier sich aufschwingt um mit den Kontrahenten im fairen Kampf der Worte zu streiten.

Dieses Gefühl macht Debattieren so großartig und Turniere so erstrebenswert.

 

Für weitere Infos: Hier der Artikel der Achten Minute zu dem Turnier:

http://www.achteminute.de/20160221/die-gewinner-des-marburger-geschichtsturniers-willy-witthaut-und-tobias-kube/


      

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